Erscheint in Kürze
Hans-Joachim Koenen
Oma Bismarck erinnert sich
Aufgeschrieben von Luzi W.
Bearbeitung und Zusammenstellung: Hans-Joachim Koenen
Copyright des Textes beim Sohn der Autorin

August 2021

Oma Bismarck: so wurde Luzi W. von den Enkelkindern kurz genannt, wegen des Stadtteils in dem sie wohnte. Im neuesten Heft vom Heimatbund werden ihre Erfahrungen, etwa als Kind in Schalke vor hundert Jahren, in ihren eigenen Worten bildhaft erzählt, wieder lebendig.

Es sind die authentischen Worte einer einfachen Frau, die ihre die Erinnerrungen im Alter von 76 Jahren für ihre Enkelkinder aufgeschrieben hatte. In kurzen Episoden beschrieb Luzi, was sie – 1915 geboren – in der Jugend, vor und während des Krieges und in der Nachkriegszeit erlebte.

Diese kleinen Geschichten aus ihrem Leben erzählen von der Prügelstrafe in der Schule („Hand hinhalten, zack, mit dem Rohrstock einen Schlag durch die Finger“). Jedes Kind wusste damals was es zu bedeuten hatte wenn die Lehrerin schrie „sofort nach vorne!“. Oft passierte es, dass ein Stock von einer anderen Klasse ausgeliehen wurde, wenn ein Stock kaputtgeschlagen war.

Wir hören vom Entsetzen der Lehrerin über „das sündige Freibad ...wo Männer und Frauen, Jungen und Mädchen zusammen, halbnackt herumlaufen“ und vom Vater eines Bräutigams, der das Hochzeitspaar verfluchte, weil sein Sohn ein evangelisches Mädchen geheiratet hatte.

Luzi W. erzählt von ihrer schrulligen alten Tante Threschen, vom „Kinderverführer“ und von einem ganz frechen Jungen mit einem „goldenen Stab, der leider nicht aus Gold, sondern mit Scheiße beschmiert war.“

Das laute Geheul der Alarmsirene – Gelsenkirchen brennt

Besonders ergreifend sind die tagtäglichen Episoden im Bombenkrieg. Den Alltag beherrschten die allgegenwärtige Todesangst und Schrecken. „Mit jedem Jahr wurde es schlimmer und schlimmer. Dann kam das Jahr 1944. Da ging die Hölle los. Wir rannten nur noch um unser Leben.“

„Hunger tut weh“

Große Hungersnot herrschte in den Jahren von 1945 bis 1948. Aus mehreren rührenden kleinen Geschichten wird einem klar, wie schmerzhaft der Hunger sein kann. Hier ist die Rede vom leeren Brotbeutel, von Hamsterfahrten zum Äpfelklau, vom Schwarzhandel mit Selbstgebranntem, von selbstgemachten Kerzen, selbstgepresstem Öl und Tauschgeschäften gegen Essbarem. Besonders treffend lautet der Titel einer kleinen Episode schlicht und einfach „Hunger tut weh“.

Zeche Consolidation 3/4 in den 1920er Jahren
Ansichtskarte (Ausschnitt) [Sammlung M. Gast]

Mit Hintergrundwissen und Abbildungen gespickt

Hans-Joachim Koenen vom Heimatbund hat diese Niederschrift seiner Tante mütterlicherseits 30 Jahre lang verwahrt. Heute, entschied er, ist die Zeit gekommen, diese Geschichten zu veröffentlichen.

„Aber nur ein Abdrucken des Textes kam für mich nicht infrage,“ sagte der fleißige Hobbyhistoriker, der für die Heftereihe „Gelsenkirchen in alter und neuer Zeit“ verantwortlich ist. Daher hat er sich der die Mühe gemacht, Hintergrundwissen und entsprechende Bilder (private Familienaufnahmen, Ansichtskarten, Archivfotos und -dokumente) mit einfließen zu lassen. So präsentiert ist das Erlebte noch interessanter und bildhafter.

„Ich hoffe, eine gute Mischung gefunden zu haben, die das Lesen der Erinnerungen zu einem Vergnügen macht,“ sagt Herr Koenen.

Auswahl aus dem Inhalt

Der Klapperstorch • Die Prügelstrafe • Die kaputte Thermosflasche • Hanna hatte geschwätzt • Die zertrümmerte Geige • Das sündige Freibad • Das Hochzeitspaar wird verflucht • Tante Threschen • Der Kinderverführer • Die Blechschlange • Der goldene Stab • Die Schleuderbüchsen • Der Katzenquäler • Der gute Gartendünger • Der Pastor geht zu einem Sterbenden • Ein Engel schwebte durch Zimmer • Das Gedicht für den Bischof • Die Beichte • Die Todsünden • Die Kanu-Regatta • Die Verlobungsreise • Gesucht, gefunden

Die Bombe • Die ausgebrannte Tankstelle • Der Verräter schläft nicht • Gelsenkirchen brennt • Der Kühlturm wird getroffen • Der Blindgänger • Der Erdbunker • Glück im Unglück • Der Krieg ist zu Ende

Alle Wohnungen werden durchsucht • Die Kanalbrücke wurde gesprengt • Das Fährunglück • Der erste Heimkehrer • Die Hungersnot • Die Schwarzbrennerei • Eine tolle Schnapsidee • Das Geschäft mit dem Tabak • Hunger tut weh • Raffiniert muss man sein • So eine doofe Kuh • Singen macht froh • Mein Vater, der Lebenskünstler

Anhang: Feuerwehrmuseum und städtische Bilderschau

Für Luzi W. und die anderen Kinder war es „jedes Mal ein großes Erlebnis, wenn wir ins Kino gingen.“ Das Kino nannten sie Feuerwehrmuseum, „weil sich unter ihm ein Museum mit alten Feuerwehrgeräten befand.“

Die spannende Geschichte dieser beiden Institutionen – das Rheinisch-Westfälische Feuerwehrmuseum und die städtische Lichtspielbühne – wird im Anhang mit informativem Text und 26 Abbildungen dargelegt.

Das Rheinisch-Westfälische Feuerwehrmuseum
in der Kaiserstraße 67 (heute Kurt-Schumacher-Straße)
Ansichtskarte [Sammlung Volker Bruckmann]

Die Autorin Luzi W. (Oma Bismarck)

Luzi W., geb. Sch., von den Enkelkindern kurz Oma Bismarck genannt, wurde 1915 in Schalke geboren. Ihre Eltern waren Elisabeth und Karl Sch., Drahtzieher bei der Gutehoffnungshütte (GHH). Im Alter von 76 Jahren hatte sie ihrer Erinnerungen für ihre Enkelkinder aufgeschrieben. Die sind nicht von einer Schriftstellerin verfasst, sondern von einer Laiin, die in einfachen Worten, dafür aber authentisch, ihr Leben zu Papier brachte.