Waagehaus Horst

 Gelsenkirchen trauert 
 um das historische 
 Waagehaus Horst 

28.03.2018

Vivawest zerstört unser Kulturerbe

Abriss vollzogen gegen alle Proteste der Bevölkerung

Heimatbund erklärt sich fassungslos

Der vollkommen unnötige Abriss eines wertvollen historischen Gebäudes ist nun vollzogen.

Trotz – oder gerade wegen – der weiter wachsenden Opposition der Bevölkerung hat Vivawest schnell Fakten geschaffen und die Bürgerinitiative zur Rettung und Neunutzung des Hauses vor vollendete Tatsachen gestellt.

Respektlos vernichtet: das historische Waagehaus in Horst am 28.03.2018
Quelle: Bürgerinitiative

Das Waagehaus der ehemaligen Galopprennbahn in Gelsenkirchen-Horst von 1896 war das letzte Zeugnis der mehr als 100-jährigen Tradition des Rennsports in Horst. Es war auch eines der wenigen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert im Stadtteil, die den zweiten Weltkrieg und den Neubauwahn der Nachkriegszeit überstanden haben.

Das historsiche Waagehaus Horst
Quelle: Heinz-Jürgen Priamus (Hg.): „Gelsenkirchen wie es früher war“,
Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, 1994

Vivawest stellt „gutnachbarschaftliches Zusammenleben“ unter Beweis

Schon als bekannt wurde, dass der geschichts- und symbolträchtige Bau einem funktionalen Neubau einer Kita weichen sollte, organisierte sich eine breite Front der lokalen Bevölkerung gegen den Abriss.

Eine ganze Reihe von Horster Bürger*innen, Kaufleuten und Vereinen gründete eine Bürgerinitiative zur Rettung und Neunutzung dieses beliebten Wahrzeichens. Allein im Stadtteil Horst schafften sie es, innerhalb von knapp sechs Wochen weit über 3.000 Unterschriften auf Papier zu sammeln.

Vivawest zeigte sich nicht verhandlungsbereit.

Die Firma, eines der größten Wohnungsbauunternehmen in NRW, lobt sich selbst für ihr „soziales Engagement“ und „gutnachbarschaftliches Zusammenleben“

Ein gutes Miteinander in unseren Quartieren ist uns wichtig.
Umso mehr freut es uns, dass VIVAWEST 2016 mit dem
Preis Soziale Stadt
in der Kategorie „Bürgermitwirkung, Stadtteilleben“

ausgezeichnet wurde.

Zizat aus dem Jahresbericht 2016 der Vivawest GmbH

Im Falle des Waagehauses jedoch lies der Konzern jede Spur von Bürgermitwirkung vermissen. Als die Petition eingereicht wurde, antwortete Vivawest mit dem Abrissantrag, der am 1. Februar 2018 gestellt wurde.

Als die Bürgerinitiative besorgte Bürger*innen und Vereine in der ganzen Stadt mobilisierte und eine weitere Petition online startete, reagierte Vivawest genauso schnell, um weiteren Protest im Keim zu ersticken.

Die Abrissgenehmigung wurde am Freitag, 16. März, erteilt. Bereits am nächsten Arbeitstag, Montag 19., wurde das Haus abgezäunt und am Dienstag, 20. begann die Entkernung. Anstatt die veranschlagten fünf Wochen wurden die Abrissarbeiten in nur 10 Tagen schleunigst abgeschlossen.

„Schamlose Zerstörung unseres Kulturerbes“

Philip Ralph nannte den Abriss eine „schamlose Zerstörung unseres Kulturerbes“. Der Akt sei „der reine, kommerzialisierte Vandalismus!“

Vorschneller Abriss aus Geldgier

„Nur allzu oft werden erhaltenswerte historische Gebäude vorschnell abgerissen und durch gesichtslose Neubauten ersetzt, weil es einfach billiger ist“ ist sich Volker Bruckmann, Vorsitzender des Heimatbundes, sicher.

„Man ist immer wieder fassungslos,“ sagt Bruckmann „wie kurzsichtig die Akteure sind, die dies bestimmen.“

Diese alte Postkarte zeigt das Waagehaus gleich zweimal (o.r. und u.l.).
Die schmucken Torhäuschen sind schon längst Vergangenheit.
[Quelle: Bürgerinitiative]

Letztes Zeugnis einer mehr als 100-jährigen Tradition

Mehr als ein Jahrhundert lang spielte der Pferderennsport – mit gleich zwei Rennbahnen – eine große Rolle im Leben von Gelsenkirchen. 1895 wurde die Galopprennbahn in Horst eröffnet, damals noch ein eigenständiges Amt im Kreis Gelsenkirchen. 1912 folgte die Trabrennbahn am Nienhauser Busch in Rotthausen. Nach dem Bau der Straßenbahnen strömten die Massen aus Alt-Gelsenkirchen, Buer und Essen zu den populären Rennbahnen.

Schloss und Rennbahn anno 1928; ganz rechts im Bild der Pferdevorführring.
Mitte rechts steht das Waagehaus vor der ersten Tribüne.
[Quelle: Gelsenkirchener Geschichten]

Schloss Horst – Musterbeispiel für die Rettung und Wiederbelebung einer Ruine

Unmittelbar angrenzend an die ehemalige Rennbahn bezeugt das Schloss Horst, was mit Fantasie und Willen aus alten Gemäuern geschaffen werden kann. Die engagierten Aktivitäten des 1985 gegründeten „Förderverein Schloß Horst e.V.“ schufen hartnäckig die Bedingungen für die Rettung der Reste des Schlosses vor dem endgültigen Zerfall.

Auf Betreiben des Fördervereins wurde die Anlage durch die Stadt Gelsenkirchen gekauft und in den 1990er Jahren umfangreich gesichert, liebevoll restauriert, und für neue Nutzungen umgebaut. Die spektakuläre Glashalle schützt die Renaissance-Sandsteinfassade und schafft ein einzigartiges Ambiente.

Mit Standesamt, Bürgercenter, Stadtteilbibliothek, Museum, Restaurant und einer erstklassigen Konzerthalle ist das Schloss heute eine lebendige Begegnungsstätte für den Stadtteil und die gesamte Stadt. Als Touristenattraktion und Veranstaltungsort ist dieses Schmuckstück auch ein wahrer Besuchermagnet.

Schloss Horst: Die Renaissance-Sandsteinfassade in der spektakulären Glashalle, heute ein Publikumsmagnet.
[Foto: Frank Vincentz (eigenes Werk) via Wikimedia Commons]

Bürgerinitiative plant konkrete Alternative

Die „Initiative zur Rettung und Neunutzung des Waagehauses“, ein Zusammenschluss vieler Horster Vereine und Organisationen, darunter mehrere Architekten und Handwerksvertreter, hat einen konkreten Alternativplan vorgelegt.

Sie will nicht nur das historische Waagehaus erhalten, sondern in Kombination mit einem Neubau eine Art „Treffpunkt für alle Horster“ mit integriertem Kindergarten errichten.

„Uns geht es um Erinnerungskultur und respektvollen Umgang mit dem baulichem Erbe
und eine mögliche öffentliche Nachnutzung im Interesse der Horster, die mehr umfasst als eine Kita.
Denn auch früher war das Haus und seine Umgebung ein wichtiger Treffpunkt für alle Horster.“

Zitat aus der Bürgeranregung an die Bezirksvertretung

Der vom Architekten und Stadtplaner Kai Kühmichel ausgearbeitete Vorschlag sieht vor, die Waage für einen symbolischen Preis zu verkaufen und die Kita auf dem ehemaligen Pferdevorführplatz zu bauen.

Plan für den Erhalt und Sanierung des historischen Waagehauses
und Neuabu der Kita auf dem ehemaligen Vorführring
[Architekt und Stadtplaner Kai Kühmichel]